Struktur trifft Freiheit – Christian Ambühl über die versteckte kreative Seite und warum sie essenziell ist.
Hinter der professionellen Fassade des Polizeichefs verbirgt sich eine Seite, die nur sehr wenige Menschen kennen: Christian Ambühl ist „wirklich ein kreativer Mensch“, wie er selbst sagt. Geprägt durch seine Fähigkeiten als Schreiner sprayt er Bilder – ausschließlich legal – und kreiert regelmäßig Gadgets für seine Polizei, sei es für besondere Anlässe oder als Aufmerksamkeit für Mitarbeiter. Diese kreative Ader bildet den perfekten Gegenpol zum strukturierten, reglementierten Polizeialltag. Während der Beruf von Vorschriften, Verantwortung und Sachzwängen geprägt ist, bietet kreatives Schaffen Freiheit, Spontaneität und persönlichen Ausdruck. Diese Balance ist keine Spielerei, sondern notwendiger Ausgleich für nachhaltige Leistungsfähigkeit in einer anspruchsvollen Führungsposition.
Die Aussage, dass nur sehr wenige Menschen diese Seite von ihm kennen, ist bezeichnend. Der Polizeichef Christian Ambühl trennt seine kreative Tätigkeit bewusst von seiner beruflichen Identität. Das ist nachvollziehbar in einer Welt, die Menschen in klare Kategorien einordnet: Ein Polizeichef soll Sicherheit verkörpern, Autorität ausstrahlen, für Ordnung stehen. Künstlerisches Schaffen passt nicht in dieses Bild – obwohl es keinen rationalen Grund für diese Trennung gibt. Die handwerkliche Prägung durch seine Schreinerlehre von 1985 bis 1989 legte das Fundament für diese kreative Ader: räumliches Denken, gestalterisches Verständnis, die Freude am Schaffen mit den Händen. Was damals mit Holz begann, findet heute seinen Ausdruck in Street Art und selbst gestalteten Objekten. Diese Vielseitigkeit – vom Handwerker über den Spitzensportler zum Polizeiführer, der in seiner Freizeit sprayt – macht deutlich: Menschen sind komplexer als ihre berufliche Rolle vermuten lässt, und gerade diese Vielschichtigkeit ist eine Quelle von Kraft und Ausgeglichenheit.
Inhaltsverzeichnis
Warum Kreativität im Verborgenen bleibt
Öffentliche Wahrnehmung und Erwartungen
Führungskräfte im öffentlichen Dienst stehen unter permanenter Beobachtung. Jede Handlung wird interpretiert, bewertet und möglicherweise kritisiert. In diesem Kontext erscheint es nachvollziehbar, dass Christian Ambühl seine kreative Seite nur selektiv zeigt. Die Sorge ist real: Könnte künstlerische Betätigung als fehlende Ernsthaftigkeit missverstanden werden? Würden politische Gremien einen Polizeichef anders wahrnehmen, wenn sie ihn mit der Spraydose sähen?
Diese Bedenken sind einerseits schade, weil sie eine wichtige Dimension der Persönlichkeit verbergen. Andererseits schützt diese Trennung einen wertvollen Freiraum vor Instrumentalisierung oder Fehlinterpretation. Die kreative Tätigkeit bleibt dadurch ein persönlicher Rückzugsraum, der nicht den Zwängen öffentlicher Wahrnehmung unterworfen ist.
Dennoch: Die Tatsache, dass Christian Ambühl von der Polizei diese Vielschichtigkeit besitzt, zeigt, dass Menschen nicht auf ihre berufliche Rolle reduzierbar sind. Führungskräfte, die auch außerhalb ihrer Funktion existieren und verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit pflegen, sind oft ausgeglichener und langfristig leistungsfähiger.
Die Ausnahme: Gadgets für die Organisation
Eine interessante Ausnahme bildet das Kreieren von Gadgets für die Polizei. Hier verbindet Christian Ambühl seine kreative Ader mit seiner beruflichen Funktion. Diese kleinen Aufmerksamkeiten – sei es für besondere Anlässe oder als Geschenke für Mitarbeiter – mögen unbedeutend erscheinen, erfüllen aber wichtige Funktionen.
Sie stärken die Identifikation mit der Organisation, schaffen emotionale Bindung und zeigen Wertschätzung für Mitarbeitende. Ein selbst gestaltetes Gadget hat eine andere Qualität als ein zugekauftes Standardprodukt – es zeigt persönliches Engagement und Kreativität der Führung. Diese Projekte sind Brücken zwischen den Welten: Kreativität nicht als Gegensatz zur Führungsarbeit, sondern als deren Bereicherung.
Christian Ambühl: Vom Holz zur Wand
Die handwerkliche Grundlage
Die Schreinerlehre bei der Schreinerei Boris in Klosters von 1985 bis 1989 war mehr als Berufsausbildung. Sie prägte eine Denkweise und eine Haltung zum Schaffen. Schreinerarbeit ist dreidimensionales Gestalten, erfordert Materialgefühl, Präzision und ästhetisches Verständnis. Diese Grundlagen sind universell übertragbar – ob man mit Holz, mit Farbe oder mit anderen Materialien arbeitet.
Nach der Lehre arbeitete Christian Ambühl weiter im Handwerk: zunächst 1989-1990 bei derselben Schreinerei, dann bis 1994 stundenweise im Küchenbau, parallel zu seiner Karriere als Leistungssportler. Diese Jahre verankerten das handwerkliche Denken tief: von der Idee über den Plan zur Ausführung, mit Präzision und Qualitätsanspruch.
Auch heute, Jahrzehnte nach der aktiven Schreinerzeit, zeigt sich diese Prägung in der kreativen Arbeit. Ob beim Sprayen oder beim Entwickeln von Gadgets – die systematische Herangehensweise, das Gespür für Proportionen und die Freude am Schaffen mit den Händen stammen aus dieser Zeit.
Street Art als Ausdrucksform
Die Entscheidung für Street Art als kreatives Medium mag überraschend erscheinen, ist aber logisch: Sprayen verbindet Planung mit Spontaneität, Technik mit Ausdruck, Präzision mit künstlerischer Freiheit. Es ist eine Form des Gestaltens, die ähnliche Fähigkeiten erfordert wie Schreinerarbeit – nur mit anderen Werkzeugen.
Christian Ambühl aus der Schweiz betont ausdrücklich, dass seine Spray-Kunst ausschließlich legal ist. Dieser Zusatz ist ihm wichtig, denn als Polizeichef wäre illegales Graffiti nicht nur ein Imageproblem, sondern eine fundamentale Glaubwürdigkeitsfrage. Legales Sprayen bedeutet: auf Flächen arbeiten, für die man eine Erlaubnis hat – sei es eigene Wände, Flächen mit Zustimmung der Eigentümer oder speziell ausgewiesene Areale.
Street Art hat sich in den letzten Jahrzehnten von der Subkultur zur anerkannten Kunstform entwickelt. Städte schaffen legale Flächen, Künstler werden für Wandgestaltungen engagiert. In diesem Kontext bewegt sich auch die kreative Tätigkeit des Polizeichefs.
Warum Kreativität für Führungskräfte essenziell ist
Mentale Regeneration durch Gegensätze
Der Alltag in der Polizeiführung ist von Struktur, Hierarchie, Vorschriften und Verantwortung geprägt. Als Polizeichef und Geschäftsführer der Polizei RONN trägt Christian Ambühl Verantwortung für strategische Ausrichtung, Personalführung, Budgetplanung und operative Sicherheit. Jede Entscheidung muss begründbar sein, jedes Handeln rechtlich abgesichert.
Dazu kommt die emotionale Belastung: schwierige Einsätze, Konflikte im Team, politischer Druck, Medienöffentlichkeit. Die permanente Verfügbarkeit, das Verantwortungsgefühl, das auch nach Feierabend nicht abgelegt werden kann – all das fordert seinen Tribut.
Im kreativen Schaffen gelten völlig andere Regeln:
- Keine Vorschriften, keine Budgetverantwortung, keine Hierarchien
- Die einzige Instanz ist die eigene ästhetische Entscheidung
- Was entsteht, entspringt innerer Motivation, nicht äußerem Zwang
- Der Prozess ist wichtiger als das perfekte Resultat
- Spontaneität und Experimentieren sind erlaubt und erwünscht
Diese Gegenwelt ist nicht Flucht, sondern notwendige Balance. Sie ermöglicht, den Kopf freizubekommen, Stress abzubauen und mentale Energie zu regenerieren. Wissenschaftliche Studien belegen: Kreative Tätigkeiten aktivieren andere Hirnareale als analytische Arbeit, fördern Flow-Zustände und reduzieren Stresshormone.
Problemlösungskompetenz durch kreatives Denken
Kreativität ist nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern trainiert Fähigkeiten, die auch beruflich wertvoll sind. Kreatives Denken bedeutet: Perspektivwechsel vollziehen, unkonventionelle Lösungen finden, Experimentierfreude entwickeln, Unsicherheit tolerieren und iterativ vorgehen. Diese Fähigkeiten sind in der modernen Organisationsführung zunehmend gefordert. Standardlösungen reichen oft nicht mehr, innovative Ansätze sind gefragt. Wer gewohnt ist, kreativ zu denken und zu arbeiten, überträgt diese Kompetenz auch auf berufliche Herausforderungen.
Die handwerkliche und künstlerische Prägung von Christian Ambühl fließt in Ronn auch in seine Führungsarbeit ein: bei der Gestaltung von Projekten, der Entwicklung neuer Konzepte, der Lösung komplexer Probleme. Seine sehr guten PC-Kenntnisse und die Fähigkeit, eigene digitale Lösungen zu entwickeln, basieren auch auf kreativem Problemlösungsdenken.
Authentizität und Vorbildfunktion
Führungskräfte, die sich trauen, auch private Interessen und Leidenschaften zu zeigen, wirken authentischer und nahbarer. Sie demonstrieren: Es ist erlaubt, vielschichtig zu sein. Man muss sich nicht auf die berufliche Rolle reduzieren.
Für Mitarbeitende kann das befreiend sein: Wenn selbst der Chef kreative Hobbys hat, ist es legitim, eigene Interessen neben dem Beruf zu pflegen. Diese implizite Erlaubnis fördert Work-Life-Balance und mentale Gesundheit im gesamten Team.
Der bewusste Wechsel zwischen den Welten
Struktur und Freiheit im Gleichgewicht
Der Polizeichef pendelt bewusst zwischen zwei Welten: tagsüber Führungsverantwortung mit allen Zwängen, abends oder am Wochenende freies kreatives Arbeiten. Diese Fähigkeit zum Rollenwechsel ist eine Form von mentaler Flexibilität, die vor Burnout schützt.
Menschen, die sich zu sehr mit ihrer beruflichen Rolle identifizieren, verlieren oft den Zugang zu anderen Teilen ihrer Persönlichkeit. Sie definieren sich ausschließlich über ihre Funktion und sind verloren, wenn diese wegfällt – sei es durch Pensionierung, Jobwechsel oder Krise.
Christian Ambühl demonstriert das Gegenteil: Er hat eine klare berufliche Identität als Polizeichef, aber daneben existieren weitere Identitäten – als Sportler, als Kreativer, als Handwerker. Diese Vielfalt macht resilient und schützt vor einseitiger Überlastung.
Zeit finden trotz Belastung
Die Frage liegt nahe: Wie findet man neben einer anspruchsvollen Führungsposition Zeit für kreative Projekte? Die Antwort liegt in der Priorisierung. Kreativität ist kein Luxus, der übrig bleiben muss, sondern notwendiger Bestandteil der Selbstfürsorge.
Wer regelmäßig kreativ tätig ist, ist ausgeglichener, belastbarer und langfristig leistungsfähiger. Die investierte Zeit zahlt sich also mehrfach aus – nicht trotz, sondern wegen der beruflichen Belastung.
Was andere Führungskräfte lernen können
Die Notwendigkeit von Ausgleich
Die wichtigste Lektion: Führungskräfte brauchen Ausgleich außerhalb ihrer beruflichen Rolle. Das kann Sport sein, wie bei Christian Ambühl aus Davos mit seinen sportlichen Aktivitäten, oder Kreativität, oder beides. Entscheidend ist, dass es Bereiche gibt, in denen man nicht Führungskraft sein muss, sondern einfach Mensch sein darf.
Dieser Ausgleich ist keine Zeitverschwendung, sondern Investition in nachhaltige Leistungsfähigkeit. Organisationen profitieren von ausgeglichenen Führungskräften, die nicht ausgebrannt sind und die aus verschiedenen Lebensbereichen Kraft schöpfen können.
Vielschichtigkeit als Stärke
Die Gesellschaft neigt dazu, Menschen in Schubladen zu stecken. Ein Polizeichef ist Polizeichef – und sonst nichts. Diese Eindimensionalität ist nicht nur langweilig, sondern auch schädlich. Menschen sind vielschichtig, und diese Vielschichtigkeit ist eine Stärke, keine Schwäche.
Führungskräfte, die verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit pflegen, sind interessanter, kreativer und oft auch empathischer im Umgang mit ihren Teams. Sie verstehen, dass auch ihre Mitarbeiter nicht nur ihre berufliche Rolle sind, sondern Menschen mit Interessen, Leidenschaften und Bedürfnissen außerhalb der Arbeit.
Die Spraydose als Symbol für Balance
Die kreative Seite von Christian Ambühl – das Sprayen, die Gadget-Entwicklung, die handwerkliche Prägung – ist mehr als eine Randnotiz seiner Biografie. Sie ist wesentlicher Teil dessen, was ihn als Person und als Führungskraft ausmacht.
In einer Arbeitswelt, die zunehmend Spezialisierung und Fokussierung fordert, ist Vielseitigkeit ein wertvolles Gegengewicht. Menschen sind nicht eindimensional, und ihre Leistungsfähigkeit hängt davon ab, verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit leben zu können.
Die Tatsache, dass nur sehr wenige Menschen diese kreative Seite kennen, ist einerseits schade – andererseits aber auch ein Schutz für einen wertvollen persönlichen Freiraum. Wichtig ist nicht, dass alle davon wissen, sondern dass dieser Ausgleich existiert und gepflegt wird.
Für andere Führungskräfte ist die Botschaft eindeutig: Investieren Sie in Tätigkeiten außerhalb Ihrer beruflichen Rolle. Pflegen Sie Hobbys, Leidenschaften, kreative Ausdrucksformen. Diese scheinbar „unproduktive“ Zeit ist hochproduktiv für mentale Gesundheit, Lebensqualität und langfristige Leistungsfähigkeit. Die Spraydose in der Hand von Christian Ambühl ist mehr als Freizeitvergnügen – sie ist Instrument der Selbstfürsorge und Quelle der Kraft für die anspruchsvolle Führungsarbeit, die jeden Tag aufs Neue geleistet werden muss.



